Carries schnelle Verlängerung ist eine Wette auf Flanagan, nicht nur auf Zahlen
Prime Video hat Carrie zwei Wochen nach dem Start verlängert. Das Tempo sagt aus unserer Sicht mehr über den Rückhalt für einen Showrunner mit Starstatus als über Zahlen. Das Risiko liegt in der Story.
Foto: Gabriel Hutchinson / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)
Wie verlängert man eine Serie, bevor die meisten überhaupt zu Ende über ihr Finale gestritten haben? Prime Video hat das gerade mit Carrie getan, und wir meinen: Das Tempo ist die eigentliche Geschichte. Nicht die Verlängerung selbst, sondern was sie darüber verrät, wer am längeren Hebel sitzt: Mike Flanagan.
Amazon wechselte binnen zwei Wochen von „abwarten“ zu „ja“
Wie Deadline berichtet, verlängerte Prime Video die Adaption zwei Wochen nach dem Start der ersten Staffel mit acht Folgen am 7. Oktober, die gute Kritiken erhielt. Deadline merkt außerdem an, dass jede Young-Adult-Serie von Prime Video, die in den vergangenen sechs Monaten angelaufen ist, verlängert wurde.
Die Verlängerung dreht die Erwartung um. Carrie wurde als Miniserie angekündigt, und gleich nach dem Start berichteten Medien wie Telestar, Amazon habe nichts bestätigt und warte ab, wie viele Zuschauer bis zur letzten Folge dranbleiben.
Der Name hat die Hauptarbeit geleistet
Wir wollen vorsichtig sein: Die Serie belegte laut Serieously von Ouest-France in den Tagen nach dem Start tatsächlich Platz eins der meistgesehenen Programme auf Prime Video, und TheWrap verweist auf hohe Abrufzahlen. Es ist also keine Verlängerung im luftleeren Raum. Doch zwei Wochen sind ein kurzes Fenster, um bei einer auf einmal veröffentlichten Staffel mit acht Folgen die Abschlussquoten zu lesen. Nimmt man das von Deadline beschriebene Muster hinzu, wonach Verlängerungen in dieser Kategorie nahezu automatisch erfolgen, handelt Prime Video unserer Einschätzung nach eher aus einer These als aus einer Tabelle: Flanagan bringt ein treues Publikum mit, den Namen Stephen King und ein Event für die Halloween-Zeit.
Das ist eine vertretbare These. Sie steht aber auch im Kontrast zu Flanagans eigener Geschichte. Laut Telestar prägte ihn die Absetzung von The Midnight Club nach einer Staffel, und er konzipierte diese acht Folgen so, dass sie für sich stehen können. Der Macher rechnete also mit Vorsicht der Plattform. Die blieb aus. Wir lesen das als Zeichen, dass ein etablierter Showrunner heute eine Entscheidungsgeschwindigkeit bekommt, von der die meisten Serien nur träumen können.
Das eigentliche Risiko ist das Buch
Hier werden wir skeptisch. Carrie ist, wie Wikipedia es formuliert, eines der kürzesten Bücher von King. Flanagan musste es erweitern, um acht Folgen zu füllen, und ergänzte eine Mythologie weiterer telekinetischer Frauen, aufgebaut auf den Andeutungen des Romans zu einem TK-Gen.
Spoilerwarnung: Der nächste Absatz behandelt das Finale der ersten Staffel.
Staffel 1 deckte die Kerngeschichte ab, und das Finale lässt Carrie laut Serie-News am Leben und mit Emaline die Stadt verlassen, während Adelaide eine Organisation von Frauen mit Kräften leitet.
Das ist eine kreative Entscheidung, und eine mutige. Doch ein Roman mit nur einer Geschichte, der zur Trilogie gedehnt wird, droht zum Spin-off mit geliehenem Titel zu werden. Flanagan sagte, sein Wunschszenario seien drei Staffeln, eine „Trilogie“, wie er gegenüber Collider formulierte, und laut Deadline ist er nun zwei Drittel des Weges gegangen. Das bereitet uns Sorgen. Die erste Staffel wurde vom tragischen Rückgrat des Romans getragen. Weitere Staffeln würden sich wohl allein auf die neue Mythologie stützen, und Verfolgungs- und Versteckstrukturen rund um Geheimgesellschaften sind im Genrefernsehen ein ausgetretener Pfad.
Einige Kritiker waren laut Wikipedia schon über die Abweichungen vom Buch gespalten. Eine zweite Staffel verstärkt diese Abweichungen ohne Sicherheitsnetz.
Was wir als Zuschauer tun würden
Unsere Empfehlung: Staffel 1 als die abgeschlossene, befriedigende Einheit ansehen, die sie sein sollte, und Staffel 2 als separate Wette betrachten. Flanagan hat sich den Vertrauensvorschuss verdient. Laut Telestar wollte er, dass das Ende befriedigt, ob die Geschichte weitergeht oder nicht, was die disziplinierte Entscheidung ist.
Für Prime Video ist die schnelle Verlängerung eine gute Nachricht für Fans der Serie und ein Wagnis für alle anderen. Funktioniert Staffel 2, wirkt die Plattform klug, weil sie einem Autorenfilmer vertraut hat. Wenn nicht, lautet die Lehre, dass ein berühmter Name und ein schnelles Okay keinen Ersatz für eine Geschichte bieten, die zusätzliche Folgen braucht. Wir sind hoffnungsvoll, würden aber gern das Drehbuch sehen, bevor wir feiern.
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