Austen braucht auf der Leinwand keine Werktreue, sondern eine neue Stimme
Oakleys Sinn und Sinnlichkeit und Netflix’ kommendes Stolz und Vorurteil zeigen: Austen überdauert, wenn Adaptionen es wagen, anders zu klingen – nicht, wenn sie auf Nummer sicher gehen.
KI-generiertes Bild
Warum kehren wir immer wieder zu Jane Austen zurück? Nicht, weil wir vergessen hätten, wie die Geschichte endet. Jeder weiß, wer den Heiratsantrag im Regen bekommt oder wer im Salon in Tränen ausbricht. Wir kehren zurück, weil jede Generation dasselbe Lied in einer anderen Tonart hören will. Und die eigentliche Frage bei jedem neuen Austen-Projekt lautet, ob es diese Tonart mitbringt oder nur Kerzen und Hauben.
Gleich zwei Fälle liegen auf dem Tisch. Laut Veja ist Georgia Oakleys Sinn und Sinnlichkeit mit Daisy Edgar-Jones und Esmé Creed-Miles als Elinor und Marianne Dashwood in den Kinos angelaufen. Und Netflix’ Stolz und Vorurteil ist eine Serie mit sechs Folgen, die am 3. Dezember startet, mit Emma Corrin als Elizabeth Bennet und Jack Lowden als Mr. Darcy. Eine Anmerkung der Ordnung halber: Das Netflix-Projekt ist eine Serie, kein Film. Aber es gehört zur selben Debatte und steht unserer Ansicht nach vor der schwereren Prüfung.
Die Filme von 1995 und 2005 sind für ihren Mut in Erinnerung geblieben, nicht für ihre Werktreue
Werktreue erscheint als falscher Maßstab, und die beiden Referenzpunkte deuten darauf hin. Der Sinn und Sinnlichkeit von 1995 gewann den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch, und seine Hauptdarstellerin Emma Thompson hatte es auch geschrieben. Das ist eine Adaption mit dem Fingerabdruck einer Autorin in jeder Zeile. Joe Wrights Stolz und Vorurteil von 2005 gewann, wie Veja anmerkt, jüngere Zuschauer, die den Büchern oft fernstanden, und brachte Keira Knightley eine Oscar-Nominierung als beste Hauptdarstellerin ein. Veja erklärt das damit, dass der Film Austen eine andere Ausdrucksweise gegeben habe, eine neue Art, zur Leinwand zu sprechen.
Nach unserer Einschätzung ist das das Muster. Die Fassungen, an die wir uns erinnern, sind die mit einer Haltung. Niemand liebt einen Film dafür, dass er eine respektvolle Fotokopie ist.
Oakley scheint das zu verstehen, auch wenn die Kritik über das Ergebnis gespalten ist
Die Kritiken zum neuen Sinn und Sinnlichkeit sind gerade deshalb aufschlussreich, weil sie auseinandergehen. The Independent schreibt, die Austen des Jahres 2026 „sieht einer Brontë verdammt ähnlich“, mit den Dashwood-Schwestern, die wild durch Devon streifen, und argumentiert, der Film sei nicht für Puristen gedacht. Collider geht weiter und behauptet in der Überschrift, der Film stehle Stolz und Vorurteil die Krone. Doch die Irish Times nennt ihn „durchaus respektabel“ und „ordentlich gespielt“, wobei der Schatten von Ang Lees Film von 1995 schwer auf ihm laste.
Wir würden diese Spaltung als gutes Zeichen lesen. Ein Film, den alle nett finden, ist ein Film, über den in zehn Jahren niemand mehr streitet. Einer, der laut But Why Tho bei den Emotionen düsterer ist und den Text dabei weitgehend unangetastet lässt, hat zumindest eine Spur gewählt. Der Brontë-Vergleich mag Puristen ärgern, und wir vermuten, dass genau das teilweise der Punkt ist. Unser Fazit: Eine leicht polarisierende Austen ist besser als ein makelloses Museumsstück.
Hinzu kommt der Kontext. Die Besprechung von The Nine stellt die Vorfreude und die Skepsis rund um diesen Start in den Zusammenhang mit Emerald Fennells umstrittener Verfilmung von Sturmhöhe Anfang dieses Jahres. Das Publikum scheint bereit dafür, dass klassische Liebesgeschichten neu erfunden werden, und ebenso bereit, enttäuscht zu werden.
Netflix’ Darcy muss seine eigene Existenz rechtfertigen
Hier wird die These unserer Ansicht nach am schärfsten. Der Kritiker von PureWow räumte ein, von der Netflix-Ankündigung „irritiert“ gewesen zu sein, weil Wrights Film von 2005 in seinen Worten „absolute Perfektion“ sei. Über das Wort kann man streiten, doch der Instinkt ist weit verbreitet. Stolz und Vorurteil ist wohl die bekannteste und bequemste Austen. Es ist Markensicherheit im Häubchen.
Und darin liegt die Gefahr. Streamingdienste lieben einen Titel, der keiner Erklärung bedarf, einen vertrauten Namen, der das halbe Marketing erledigt. Doch Wiedererkennung ist kein Daseinsgrund. In der Überschrift von The Independent heißt es, die Netflix-Fassung lege einer Figur erstmals einen berühmten Austen-Satz in den Mund. Das ist ein vielversprechendes Signal, auch wenn eine einzige geänderte Zeile noch keine eigene Stimme macht. Wir würden uns hüten, vor Sichtung der Serie zu viel hineinzulesen.
Was verdient dann einen Platz? Ein Format mit sechs Folgen könnte Raum für etwas schaffen, womit sich ein einzelner Film schwertut: bei den Schwestern, im Haushalt, in der Ökonomie der Ehe zu verweilen. Wenn Netflix diesen Raum nutzt, um etwas Neues über Elizabeth und Darcy zu erzählen, statt die größten Hits in größerer Länge zu wiederholen, rechtfertigt es sich. Wenn es nur die berühmten Szenen mit neuen Gesichtern nachstellt, wird es eine nette Serie für nebenbei und nicht mehr. Ehrlich gesagt würden wir auf eine Mischung wetten, aber das ist eine Prognose, keine Tatsache.
Das Urteil: Austen-Adaptionen nach dem bewerten, was sie hinzufügen
Austens Beständigkeit ist real, und die Auszeichnungen für die Filme von 1995 und 2005 zeigen, wie lohnend eine mutige Adaption sein kann. Doch die Lehre aus Oakleys Film ist, dass Austens Fortbestand von denen abhängt, die sie interpretieren. Unsere Empfehlung: Sehen Sie sich Sinn und Sinnlichkeit an, wenn Sie neugierig auf eine Austen mit schlammigen Stiefeln sind, und erwarten Sie kein Ang-Lee-Remake. Legen Sie dann, wenn der Dezember kommt, an Netflix denselben Maßstab an. Fragen Sie nicht, ob die Serie werktreu ist. Fragen Sie, ob sie nach jemand Bestimmtem klingt.
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