Horrorserien dominieren die Streaming-Charts, doch Schocks allein reichen nicht
Der Horror hat auf dem Bildschirm seine natürliche Heimat gefunden, doch der Boom hält nur, wenn Serien mehr bieten als Dämonen und Jump Scares, wie die besten aktuellen Beispiele zeigen.
Foto: Gabriel Hutchinson / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)
Sind wir so abgestumpft, dass uns nur noch Blut unterhält? Das ist die bequeme Antwort auf eine Frage, die die Tagesschau in ihrer Überschrift stellt: Warum dominieren Horrorserien die Streaming-Charts? Unsere Antwort: nicht ganz. Doch das neue goldene Fernsehzeitalter des Genres ist fragiler, als die Charts vermuten lassen.
Die Plattformen lieben Horror aus nüchternen Gründen
Budgets oder Abrufzahlen liegen uns hier nicht vor; was folgt, ist daher unsere Einschätzung, keine Datenlage. Horror passt fast zu gut in die Streaming-Maschinerie. Er funktioniert über Ländergrenzen hinweg, kommt oft in ordentlichen Paketen von acht Folgen und gibt Fans etwas zum Sezieren, Wiederansehen und Diskutieren.
Ein Blick auf die Angebote zu diesem Halloween genügt. Die Übersicht von Salzburg24 versammelt 13 Horror- und Mystery-Titel aus den USA, von den Philippinen, aus Südkorea, Kanada, Australien, Japan und Deutschland. Darunter sind ein Prequel zu „Friday the 13th“ von A24 und eine Mike-Flanagan-Version von Stephen Kings Debütroman. Das ist ein globales Genre, keine Nische. Eine südkoreanische Miniserie über eine Nachtschicht im Supermarkt und eine deutsche Serie über ein Haus im Schwarzwald brauchen kein gemeinsames kulturelles Gepäck, um zu funktionieren. Angst lässt sich übersetzen.
Hinzu kommt der Franchise-Aspekt. Ein Prequel über Pam Voorhees, die um einen im See von Crystal Lake ertrunkenen Sohn trauert, ist eine Markenerweiterung im Gewand des Prestigefernsehens. Das ist unseres Erachtens der eigentliche Motor: Bekannte Namen senken das Risiko, und der Horror liefert die eingebaute Fangemeinde, damit es sich auszahlt.
Das Beste der Auswahl braucht kaum ein Monster
Am aufschlussreichsten finden wir Folgendes: Salzburg24 fasst die Flanagan-Miniserie mit dem Gedanken zusammen, Horror brauche keine übernatürlichen Kräfte, ein Smartphone genüge. Was auch immer man von der Umsetzung hält, das ist genau der richtige Instinkt. Man nehme eine alte Geschichte, suche die moderne Angst darunter, und die Dämonen werden optional.
Dasselbe gilt für „Widows Bay“ von Apple TV+. Laut Tagesschau gewann die Serie in diesem Jahr 14 Emmys und behandelt Gentrifizierung und Overtourism. Die Übersicht von Salzburg24 beschreibt eine Serie, die diese Ausbeute erreicht, als Komödie mit einem untoten Stadtgründer und einer Bürgermeisterin, die den Fluch ihrer Insel brechen will. Dass eine Serie mit Horrorzügen Emmys anhäuft und dabei über Wohnraum und Tourismus spricht, zeigt unserer Ansicht nach, wo die Decke liegt, wenn Autoren etwas zu sagen haben.
Der deutsche Beitrag über Doppelgänger, dunkle Versionen von Inselbewohnern, entstanden aus falschen Lebensentscheidungen, macht denselben Punkt im Kleinen: Das Monster ist eine Metapher, und die Metapher bleibt in Erinnerung.
Das Risiko ist eine Flut derselben Geistergeschichte
Nun die Warnung. Charts belohnen, was sich leicht vermarkten lässt, und kaum etwas lässt sich leichter vermarkten als ein Spukhaus, ein Fluch oder ein Killer mit Maske. Wenn jede Plattform ihren Katalog mit denselben Zutaten füllt, lernen die Zuschauer den Rhythmus, so vermuten wir, binnen einer Staffel. Der Jump Scare ist der billigste Trick des Genres: Ein Beitrag von t3n über Horrorspiele nennt ihn sehr wirkungsvoll und sehr billig, im Film wie im Spiel, ganz auf einen einmaligen Schock ausgelegt. Die zitierten Psychologen bevorzugen die langsame Arbeit mit Wiederholung, Erwartung und Ungewissheit, wie in „P.T.“. Das Fernsehen sollte hinhören.
Wir vermuten zudem, dass sich schleichendes Grauen und die Streaming-Gewohnheit, eine ganze Staffel auf einmal zu veröffentlichen, schlecht vertragen. Horror, der über acht Folgen trägt, braucht Geduld, und Binge-Watching kann Geduld zu bloßer Handlungsmechanik einebnen. Unsere Prognose, und nicht mehr als das: Die nächsten zwei Jahre bringen eine Welle vergessenswerter übernatürlicher Füllware, und die Zuschauer werden das Etikett selbst zu ignorieren beginnen.
Unser Urteil
Horror verdient seinen Platz an der Spitze der Charts, denn er ist eines der wenigen Genres, die noch ohne Übersetzung reisen und Ehrgeiz belohnen. Doch gewinnen werden nicht die Serien mit den meisten Dämonen. Gewinnen werden die, die Angst nutzen, um über etwas anderes zu sprechen: Bildschirme, Eigentum, Schuld, die Frage, wer dazugehören darf.
Wer sich für Halloween etwas zum Anschauen aussucht, lässt alles liegen, was nur sein Monster verkauft. Gewählt werden sollte die Serie, deren Prämisse sich auch ohne ein solches vorstellen ließe. Das ist der Test, den wir an das Programm jeder Plattform anlegen würden, und den das Genre bestehen muss, wenn dieser Boom die Saison überdauern soll.
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