David Walliams fallen zu lassen ist einfach. Fair vorzugehen ist die eigentliche Probe
Ein Film hat David Walliams Berichten zufolge wegen Fehlverhaltensvorwürfen gestrichen. Ein Ausschluss ist keine Aufarbeitung; die Branche schuldet uns ein Verfahren, keinen Reflex.
Foto: Sriya Sarkar / Wikimedia Commons (CC BY 4.0)
Wenn eine Produktion einen Schauspieler wegen Vorwürfen von Fehlverhalten entfernt, ist das dann Gerechtigkeit oder bloß Risikomanagement mit guter PR? Der Fall David Walliams wird uns diese Frage nicht beantworten. Er zeigt aber, wie wenig die Branche darüber verrät, nach welchen Kriterien sie entscheidet.
Das lässt sich anhand der Quellenlage belegen. Laut CNN Brasil wurde Walliams, 55, unter Berufung auf TMZ nach Vorwürfen von Fehlverhalten aus dem kommenden Film „The Road to Nevermore“ genommen. Der Bericht stützt sich auf eine Quelle aus dem Umfeld der Produktion, nicht auf eine offizielle Stellungnahme. Mehrere Medien ergänzen, dass er jedes Fehlverhalten entschieden bestreitet.
Der Film ist nicht die einzige Tür, die sich schließt. Yahoo UK berichtet, dass HarperCollins, das sich zunächst nach den Vorwürfen von ihm getrennt hatte, seine Backlist nicht mehr verlegen wird. Außerdem heißt es, Deadline zufolge vertrete die Talentagentur YMU ihn nicht mehr aktiv.
Der Reflex ist leicht zu verteidigen und leicht zu missbrauchen
Vor einigen Jahren konnte ein Schauspieler mit im Raum stehenden Vorwürfen in der Besetzung bleiben und abwarten, bis der Nachrichtenzyklus weitergezogen war. Heute kann eine Produktion ihn schlicht streichen. Das ist unserer Ansicht nach eine echte Veränderung darin, wie sich das Geschäft schützt. Es ist auch eine Veränderung darin, wie es den eigenen Filmstart schützt.
Die Argumente fürs Handeln sind nachvollziehbar. Ein Film ist ein gemeinsames Unterfangen von Hunderten von Menschen. Niemand möchte, dass ein Team neben jemandem arbeitet, dessen Anwesenheit Schaden anrichten kann, oder dass eine Marketingkampagne um ein Gesicht gebaut wird, das toxisch wird. Wenn die Vorwürfe ernst sind, kostet Vorsicht sehr wenig.
Aber „entschlossenes Handeln“ ist für sich genommen keine Tugend. Derselbe Reflex, der heute einen möglichen Täter entfernt, kann morgen einen Unschuldigen entfernen. Unser Eindruck ist, dass ein Studio, das so arbeitet, zuerst seinem eigenen Ruf verpflichtet ist und erst danach der Wahrheit. Von außen lassen sich diese beiden Motive womöglich gar nicht unterscheiden.
Das Problem ist, was die Quellen nicht verraten
Bedenken wir, was wir aus diesen Berichten nicht wissen. Sie nennen die Vorwürfe nicht im Detail. Sie enthalten keine offizielle Stellungnahme der Produktionsfirma. Sie sagen nicht, ob der Entscheidung eine Untersuchung vorausging. Ein Bericht beschreibt ihn als aus der vorläufigen Besetzung des Films entfernt, als die Dreharbeiten noch in einem frühen Stadium waren. Falls das stimmt, dürfte die Entscheidung dadurch günstiger gewesen sein: Einen Schauspieler zu ersetzen ist früh in der Regel leichter als mitten in der Produktion.
Das ist für die Argumentation wichtig. Die Kosten prägen die Reaktion. Eine frühe Entfernung kostet eine Produktion wahrscheinlich wenig, und sie sagt wenig darüber, ob ein Studio bei einem Star, der schon mitten in den Dreharbeiten steckt, dieselbe Entschlossenheit zeigen würde. Wir meinen, ein Maßstab zählt nur dann, wenn er auch dann gilt, wenn er teuer wird.
Auch die Welle der Reaktionen verdient etwas Skepsis. Wenn Film, Verlag und Agentur in derselben Geschichte auftauchen, kann es so aussehen, als kämen alle zum selben Urteil. Die öffentliche Aktenlage zeigt hier aber Berichte und Reaktionen, keinen gesicherten Befund. Walliams’ Dementi gehört zu dieser Aktenlage. Es beweist nicht seine Unschuld, und es hebt die Vorwürfe nicht auf. Es bedeutet aber, dass Leserinnen und Leser die Frage offenhalten sollten.
Wie ein faires Vorgehen aussieht
Was sollten wir also von der Branche verlangen? Nicht Untätigkeit, sondern nachvollziehbare Entscheidungen. Drei Dinge würden aus einem Reflex eine Regel machen:
- Eine benannte Schwelle. Studios sollten sagen, was eine Entfernung auslöst: eine glaubwürdige Beschwerde, eine förmliche Untersuchung, ein juristischer Befund.
- Eine Möglichkeit zur Stellungnahme. Die beschuldigte Person sollte vor oder kurz nach der Entscheidung antworten können, und die Entscheidung sollte überprüfbar sein.
- Konsequenz. Ähnliche Vorwürfe sollten ähnlich behandelt werden, ob es sich um einen Hauptdarsteller oder eine Nebenfigur handelt und ob der Film ein Großprojekt oder eine kleine Produktion ist.
Nichts davon verlangt, dass ein Studio jahrelang auf ein Gericht wartet. Unternehmen können Vorsichtsmaßnahmen treffen und dennoch ehrlich sagen, dass es sich um eine Vorsichtsmaßnahme handelt und nicht um ein Urteil. Der Unterschied liegt in der Formulierung: „Wir haben diese Zusammenarbeit ausgesetzt, während die Angelegenheit geprüft wird“ ist etwas anderes als eine anonyme Quelle, die einem Klatschportal erzählt, jemand sei raus.
Unser Fazit: Die Entfernung von Walliams zeigt, dass die Branche gelernt hat zu handeln. Sie zeigt nicht, ob sie auch gelernt hat zu urteilen. Solange Studios ihre Schwellen nicht öffentlich erklären, ist jeder solche Fall eine Prüfung, die sie selbst benoten. Das Publikum sollte das im Hinterkopf behalten und jeden Bericht wie diesen als Behauptung betrachten, die man weiterverfolgt, nicht als Verurteilung, die man teilt.
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