Dreistündiger Elizabeth-Holmes-Film bricht die Regeln der Kinokasse
A24s dreistündiger Dokumentarfilm soll am zweiten Wochenende sein Startergebnis übertreffen. Studios sollten das als Beleg sehen, dass Länge und Eigenwilligkeit ein Gewinn sein können.
KI-generiertes Bild
Was, wenn das derzeit lukrativste Angebot im Kino ein fast dreistündiger Dokumentarfilm ist, in dem ein Komiker Zeit mit Elizabeth Holmes verbringt? Vor einem Jahr hätte dieser Satz nach der Pointe eines schlechten Witzes geklungen. Heute beschreibt er eine Kinokassen-Geschichte, die die Branche genau studieren sollte.
Das ist passiert: A24s You Can See Everything von Nathan Fielder und Lance Oppenheim startete mit geschätzten 15 Millionen Dollar in 855 Kinos. Das liegt weit über der Spanne von 7 bis 10 Millionen Dollar, die Branchenmedien prognostiziert hatten. Danach wurde der Film auf rund 2.600 Standorte ausgeweitet. Deadline berichtet, dass Clayface mit mehr als 24 Millionen Dollar auf Platz 1 landete, während der Dokumentarfilm auf ein mögliches zweites Wochenende von 20 Millionen Dollar zusteuerte. The Hollywood Reporter nennt allein für den Freitag 6,1 Millionen Dollar und insgesamt 31,7 Millionen Dollar im Inland.
Ein zweites Wochenende, das den Start übertrifft, wäre – sollte die Prognose eintreffen – die Ausnahme. Die breite Ausweitung hilft natürlich: Die Zahl der Kinos hat sich ungefähr verdreifacht. Dennoch muss der Film diese neuen Plätze füllen, und bisher sieht es danach aus. Alles Weitere in dieser Kolumne folgt daraus.
Mundpropaganda schlug den Marketingplan
Man achte darauf, wie das Publikum über den Film spricht. Wie Mashable zusammentrug, beschreiben Zuschauer die Laufzeit als Teil des Erlebnisses. Einer schrieb, der Film werde „mit jeder Stunde fesselnder“. Ein anderer lobte einen Kinosaal, in dem alle „locked tf in“ gewesen seien, also völlig gebannt. Wieder ein anderer sagte, die gemeinsamen Reaktionen hätten den Film besser gemacht.
Das kann eine Streaming-Warteliste nicht leisten. Ein kollektives Aufkeuchen im selben Moment ist ein Grund, eine Karte zu kaufen, und niemand kann es pausieren. Wir halten das für wichtiger als jede einzelne Kennzahl. Ein langer, seltsamer Film gab den Leuten einen Grund, das Sofa zu verlassen, und sie erzählten es ihren Freunden weiter.
Die Bewertungen halfen natürlich. Mashable verweist auf 98 Prozent bei Rotten Tomatoes und den Spitzenplatz bei Letterboxd. Skeptiker gibt es auch: Manche Letterboxd-Rezensenten nannten den Film „langweilig und schmerzhaft lang“. Wir finden das beruhigend. Ein Film, den alle ein wenig mögen, erzeugt nicht diese Art von Gespräch. Ein Film, über den gestritten wird, schon.
Länge und Skurrilität waren das Produkt, nicht das Problem
Der übliche Studioinstinkt lautet: kürzen. Zwei Stunden sind sicher, drei ein Planungsproblem, und ein Dokumentarfilm ist ein Nischenprodukt. Dieser Film ignoriert alle drei Regeln. Der Kritiker von In Review Online nennt ihn Fielders „Opus“ und beschreibt eine Struktur, die zur Hälfte kippt, wenn Holmes ihre Haftstrafe antritt und der Film zur Studie darüber wird, wie eine Figur konstruiert wird. Das ist kein konventioneller Dokumentarfilm, und niemand würde ihn als sichere Wahl bezeichnen.
Unsere Einschätzung: Die eigene Handschrift hat den Film verkauft. Fielders Name steht für ein bestimmtes Versprechen, eine trockene Skurrilität, die man mit nichts anderem verwechseln kann. A24 baute das Ereignis zudem sorgfältig auf, mit einer Überraschungsvorführung in Telluride und einem Teaser am 6. September, dann einem offiziellen Trailer am 23. September. Das wirkt auf uns wie eine geduldige, fast franchise-artige Auswertung, angewandt auf eine originelle Idee. Die Lehre lautet nicht „alles lang machen“. Sie lautet: Eigenständigkeit ist ein Marketingwert, und sie abzuschleifen kostet.
Nicht überbewerten, aber auch nicht abtun
Etwas Vorsicht ist angebracht. Es ist ein aktuelles Thema mit einem berühmten Namen, und ein Hype kann abkühlen. Die Kritiken sind auch nicht einhellig: Stephanie Zacharek von Time schrieb, es gebe „fast zu viel auszupacken, wenn man sich überhaupt dafür interessieren mag“. ScreenRant hat zudem aufgelistet, was der Film über Holmes auslässt. Das sind berechtigte Einwände, und sie könnten die Diskussion sogar weiter anheizen.
Wir würden auch nicht versprechen, dass jede dreistündige Kuriosität das wiederholt. Das Oscar-Gerede, darunter Spekulationen auf Prognosemärkten über eine Nominierung als bester Film, ist vorerst Spekulation. Der Erfolg des Films lässt sich womöglich schwer kopieren.
Die Lehre für die Studios ist aber einfacher als Nachahmung. Ungewöhnliche Eigenschaften eines Films sollten nicht länger als Risiken behandelt werden, die es zu steuern gilt. Das Publikum hat sie hier offenbar als Grund gesehen, ins Kino zu gehen. Wer als Verantwortlicher immer wieder fragt „Können wir vierzig Minuten kürzen?“, sollte zuerst fragen, ob genau diese vierzig Minuten das sind, was die Leute kaufen.
Unser Fazit: Das ist wohl der nützlichste Kinokassen-Datenpunkt des Herbstes. Nicht, weil Dokumentarfilme plötzlich mit Superheldenfilmen konkurrieren würden, sondern weil er ein Publikum zeigt, das nach etwas mit eigenem Standpunkt hungert. Wer neugierig ist, sollte ihn im Kino sehen, mit Publikum. Dort funktioniert er offenbar am besten.
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