Kinokasse
Moviesfera-Redaktion
Kinokasse

Sorkins „Ich habe kein visuelles Gespür“ ist der ehrlichste Satz des Kinojahres

Aaron Sorkins offenes Eingeständnis zu seiner Regiearbeit nach dem Flop von The Social Reckoning ist selten und bewundernswert – und sagt mehr über Hollywoods Gewohnheiten als über ihn.

Veröffentlicht
29. Oktober 2026
Lesezeit
3 min
Kategorien
Kinokasse

Foto: Eric Weiss / Wikimedia Commons (CC BY-SA 2.0)

Wann hat zuletzt ein Filmemacher auf einen Flop geblickt und öffentlich gesagt: „Das Problem bin ich“? Üblicherweise werden nach einem Reinfall Marketing, Starttermine, der Algorithmus oder das Publikum verantwortlich gemacht. Aaron Sorkin hat all das übersprungen, und wir halten das für das Interessanteste, was die gesamte Laufzeit von The Social Reckoning hervorgebracht hat.

Was er tatsächlich gesagt hat

Beim Newport Beach Film Festival sagte Sorkin dem Publikum, Regie zu führen sei schwerer gewesen als erwartet, und er habe nicht das Gefühl, aus Erfahrung viel zu lernen, so der Bericht von Breitbart. Seine Diagnose: Manches am Drehbuchschreiben lasse sich lehren, manches nicht, und die zweite Gruppe nennen wir gewöhnlich Talent. „Ich mache mir große Sorgen, dass die Teile der Regie, in denen ich nicht gut bin, genau die sind, die man nicht lernen kann“, sagte er. Dann folgte der unverblümteste Satz: „Ich habe kein visuelles Gespür, wie sich herausstellt.“

Der Kontext ist wichtig. The Social Reckoning, das Sorkin geschrieben, mitproduziert und inszeniert hat, ist die Fortsetzung von The Social Network und dramatisiert das Facebook-Leak von Frances Haugen. Der Film startete in Nordamerika mit 5,5 Millionen US-Dollar. Andere Medien weisen darauf hin, dass The Social Network 2010 mit rund 22 Millionen US-Dollar startete. (Ein Bericht beziffert das Budget auf 42 Millionen US-Dollar, ein anderer auf 30 Millionen, wir tun also nicht so, als kennten wir die genauen roten Zahlen.)

Offenheit ist billig, wenn sie nichts kostet – hier kostet sie etwas

Zunächst zur Fairness: Sorkins Selbsteinschätzung wirkt stärker als die übliche Schönrederei nach einem Flop, weil sie keine Verteidigung ist. Er sagt nicht, das Publikum sei der Facebook-Geschichten müde gewesen. Er sagt, dass ihm ausgerechnet das fehle, worin ein Regisseur gut sein soll: den Film zu sehen. Das ist ein verblüffendes Eingeständnis von jemandem, dessen Name über dem Titel steht.

Es ist auch keine Kapitulation. Er vergleicht sich mit einem Trainer, der glaubt, alle Bausteine gehabt zu haben, und trotzdem verloren hat, und er bittet um eine weitere Chance. Wir lesen das als Zeichen eines Mannes, der ehrlich mit seiner Schwäche und beharrlich mit seinem Ehrgeiz ist. Beides kann nebeneinander bestehen, und zusammen wirkt es sympathischer als jedes für sich.

Die eigentliche Geschichte: wie Autoren auf den Regiestuhl kommen

Hier würden wir der Lesart „Sorkin ist schlecht“ widersprechen. Seine Dialoge tragen, wie auch Breitbarts eigene Zusammenfassung seines Lebenslaufs in Erinnerung ruft, A Few Good Men, The American President, Charlie Wilson's War und The West Wing. Niemand bestreitet das Schreiben. Die Frage ist, warum einem begabten Drehbuchautor ein Regiejob samt erheblichem Budget übertragen wird, ohne dass viel dafür spricht, dass ihm das zweite Handwerk liegt.

Unsere Sicht, und es ist eine Meinung, nichts, was die Quellen belegen: Hollywood behandelt Prestige als übertragbar. Von einem Namen, der Drehbücher verkauft, nimmt man an, er verkaufe auch eine Vision, und die Fortsetzung eines gefeierten Films lässt diese Wette noch sicherer erscheinen. Doch Schreiben und Regieführen sind unterschiedliche Muskeln. Ein Drehbuch lebt von Rhythmus und Argumentation. Ein Film muss zusätzlich in Raum, Licht und Bewegung leben, und genau dort fehlt es Sorkin nach eigener Aussage.

Wir sollten nicht übertreiben. Ein einzelner enttäuschender Film belegt kein Muster, und die Quellen sagen nichts darüber, wie es Autoren, die zu Regisseuren werden, generell ergeht. Der Fall zeigt aber, dass die Branche die unbequeme Frage selten stellt, bevor die Schecks unterschrieben sind. Es brauchte einen Flop und eine Festivalbühne, damit jemand sie ausspricht.

Was als Nächstes geschehen sollte

Der naheliegende Schluss lautet, Sorkin solle im Autorenzimmer bleiben. Wir würden einen besseren anbieten. Ein Autor, der weiß, dass er kein visuelles Gespür hat, hat eine Lösung zur Hand: sich mit einem Regisseur oder einem Kameramann zusammenzutun, dessen Blick die Lücke schließt, und den Dialog tun zu lassen, was er am besten kann. Hollywood setzt seit Langem auf solche Partnerschaften, und ehrliche Selbsterkenntnis ist die erste Voraussetzung dafür.

Für alle anderen gilt: Wir würden ihm Anerkennung und ein wenig Geduld entgegenbringen. Ein Hit schmeichelt allen Beteiligten. Ein Flop, dem ein klarsichtiges Eingeständnis folgt, ist seltener, und in einer Branche, die Großspurigkeit belohnt, verdient er Beachtung. Ob Sorkin die erbetene „weitere Chance“ bekommt, entscheiden die Studios. Falls ja, hoffen wir, dass er sie für den Teil der Regie nutzt, den er nun endlich zu benennen bereit war.

Diskussionsthemen

Noch keine Themen: Eröffne das erste.

Weitere Artikel